Mobilitätserziehung in der Schule Klasse (1-6)
Aggression und Vandalismus
Unterrichtseinheit: Aggression und Vandalismus - wenn die Fahrt keinen Spaß mehr macht

Problemanalyse
Täglich fahren rund drei Millionen Kinder mit dem Schulbus. Während die Fahrt am Morgen oft noch reibungslos abläuft, drängen nach Schulschluss Schüler in den Bus, die unbedingt nach Hause wollen und einen erlebnisreichen Schultag hinter sich haben. Aus angestautem Bewegungsdrang, Frusterlebnissen oder Ausweichverhalten können dann Energien frei werden, die schlimmstenfalls in aggressivem Verhalten oder sogar Vandalismus münden. Am Ende der Fahrt sind dann Busse verdreckt, Scheiben mit Filzschreibern verschmutzt oder sogar Sitze aufgeschlitzt und Sicherheitseinrichtungen mutwillig zerstört.

Sachschäden sind jedoch nur die eine Seite der Medaille. Leidtragende sind nämlich oft auch Schüler, die sich nicht gegen ältere Schüler oder Schülergruppen zur Wehr setzen können. Ausgeschüttete Schulranzen, Herunterzerren vom Sitzplatz oder Behinderungen beim Ausstieg sind die Folge. Schlimmstenfalls kann es zu Mobbingattacken kommen, die bei manchen Kindern zu einer psychosomatischen Schulwegangst führen.

Was ist hier zu tun? Oftmals fühlen sich Busfahrer, die eine hohe Verantwortung für die sichere Fahrt der Schüler tragen, durch die Aggressionen der Fahrgäste überfordert und können mit Zurechtweisungen nicht in allen Fällen erfolgreich sein. Nicht bewältigbare, extreme Situationen führen auch beim Fahrpersonal zu Frustrationen und Resignation. Inzwischen hat man in einigen Bundesländern den Ernst der Lage erkannt und trifft verschiedene Gegenmaßnahmen. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein setzt man beispielsweise speziell geschulte Schülerinnen und Schüler als Busbegleiter ein. Die Idee fußt auf dem an vielen Schulen erfolgreich praktizierten Streitschlichtermodell. Schüler suchen dabei bewusst ohne Erwachsene, also auf gleicher Augenhöhe, Lösungsmöglichkeiten bei Konflikten. In anderen Bundesländern werden zur Abschreckung Videoüberwachungssysteme im Bus installiert oder regelmäßig Polizeikontrollen durchgeführt.

Doch stellt sich die Frage, ob geeignete Gegenmaßnahmen nicht schon weit früher im Bereich der Prävention zu suchen sind. Dazu ist es nötig, die Ursachen von aggressivem Verhalten im Bus zu erkunden. Solches Verhalten resultiert wohl in den wenigsten Fällen aus bösem Willen, sondern vielmehr aus einem Geflecht verschiedener Gründe.

Stundenlanges Stillsitzen in der Schule, angespannte Konzentration stehen dem kindlichen Bewegungs- und Spieldrang entgegen. In der Schule existiert oft wenig Raum, um individuelle Schulerlebnisse, wie Frust und Aggression, aber auch Freude und positive Erlebnisse zu verarbeiten. Die Situation im Schulbusverkehr erfordert aber nach dem Unterricht erneut Disziplin. Viele Personen müssen auf engem Raum aufeinander Rücksicht nehmen und die Sicherheit und Ordnung darf nicht gefährdet werden. Das nehmen viele Schüler als erneute Stresssituation wahr. Aggressives Verhalten wird psychologisch gesehen begünstigt, in einigen Fällen geradezu „provoziert“.

Wenig schülergerecht gestaltete Schulbusse wirken auf Schüler zudem oft anonym und laden dann als Aggressionsventil zu Vandalismus ein. Zur Erklärung von aggressivem Verhalten gegenüber anderen Mitfahrern existieren verschiedene Erklärungsansätze:

 

  • Haben Kinder und Jugendliche als Problemlösungsmuster gewalttätiges Handeln verinnerlicht, werden sie in einer Stress hervorrufenden Situation kaum anders als mit Gewalt reagieren können.
  • Körperliche Kontakte wirken bei einem bestimmten persönlichen Aggressionsgrad wie Verstärker. Da aber ein ausreichender Abstand im Bus kaum möglich ist, entlädt sich das Aggressionspotenzial.
  • Zu einer weiteren Verstärkung kann Gruppendynamik beitragen: Imponierverhalten, öffentliche Aufmerksamkeit, Anerkennung durch Gleichaltrige und vieles mehr können Aggressionen potenzieren.
  • Letztlich ist der Bus ein geschlossener Raum. Ein Entrinnen ist nur an den Haltestellen möglich. Das wiederum kann potenzielle Täter zu Gewalttaten animieren.


Pädagogische und didaktische Konsequenzen

Im Bereich der Verkehrserziehung bieten sich aufgrund der vielfältigen Ursachen für Aggressionen und Vandalismus nur breit angelegte Lösungsansätze an, die weit über den eigentlichen Bereich eines Mobilitätscurriculums hinausgehen. Zentraler Aspekt ist die Prävention und dabei sind nicht nur die Schülerinnen und Schüler, sondern auch Schulträger und Familie gefordert.

Um Verhalten langfristig ändern zu können, müssen Schülerinnen und Schüler Strategien lernen, mit Konflikten und Aggressionen umgehen zu können. Sie müssen in der Schule Räume haben, ihre Erlebnisse sowie positiven und negativen Erfahrungen verarbeiten zu können. Inzwischen existieren hierzu speziell für Schulen entwickelte langfristige Programme, wie etwa „Erwachsen werden“ des Lions Quest. Es hat zum Ziel, die soziale Kompetenz und Ich-Stärke von 10- bis 15-Jährigen zu fördern. Erfolgreiche Prävention kann aber nicht nur auf Schule beschränkt bleiben, sondern fordert auch Familie und Jugendarbeit zur Mitarbeit auf.

Stärkung erfahren Kinder und Jugendliche auch durch die Förderung der eigenständigen Konfliktlösungskompetenz, beispielsweise durch ein Programm wie das der "Streitschlichtung". Und wie die angesprochenen Beispiele aus verschiedenen Bundesländern zeigen, kann dieses Modell erfolgreich auf die Situation im Schulbus übertragen werden.

Verkehrserziehung leistet in diesem Bereich ihren Beitrag durch Aufklärung über Gefährdungsmomente. Sie übt durch spielerische Simulationen neue Verhaltensweisen ein und stärkt die Kompetenz der Schüler, sich situationsgerecht verhalten zu können.


Politische Konsequenzen

Erfolgreiche Prävention erfordert zusätzlich veränderte Bedingungen, damit der Schulbus nicht schon im Vorfeld aggressives Verhalten begünstigt. Damit ließen sich nicht nur Gefahren wesentlich reduzieren, sondern insgesamt ein angenehmeres Klima für die Schüler schaffen. Ein erfolgreiches Pilotprojekt in Baden-Württemberg zeigt beispielsweise, dass Kinder und Jugendliche, die bei der Einrichtung von Bussen mitreden dürfen, weniger zu Aggression und Vandalismus neigen. Die damit verbundenen höheren Kosten sollten zum Wohl der Kinder von den Schulträgern und Eltern in Kauf genommen werden.

Weitere sinnvolle Konsequenzen wären:

  • eine Sitzplatzgarantie für jedes Kind, das reduziert die Unfallgefahr und Aggression im Schulbus;
  • Begleitpersonen an den Haltestellen und in den Bussen;
  • eine professionelle Mobilitätserziehung.

Vielen Schulträgern und Verantwortlichen ist die Problematik inzwischen bewusst geworden und die Initiativen verschiedener Bundesländer zeigen die Bereitschaft zu Lösungsansätzen. Diese Bewusstseinsbildung gilt es, weiter fortzusetzen. In Zusammenarbeit aller Institutionen (Jugendamt, Schulträger, Verkehrsbetrieb, Eltern- und Schülervertreter sowie Schulleitung) sollte zunächst die Situation vor Ort analysiert, beschrieben und Verbesserungsvorschläge diskutiert werden. Ziel ist die Entwicklung verbesserter Konzepte zur Schülerbeförderung. In bewusster Einbeziehung der Öffentlichkeit trägt dies langfristig auch zu einer größeren Bereitschaft der politischen Umsetzung dieses zum Wohl der Kinder und Jugendlichen wichtigen Anliegens bei.